aesthetic thought spaces / stream of perception in fragments 


In meiner aktuellen Arbeit gehe ich Fragen über Wahrnehmung, Wirklichkeitsentstehung und damit verbundenen ästhetischen Denkprozessen nach.


Visualisierungen der Erfahrung von Kunst, und deren Wahrnehmungsvorgänge stehen dabei exemplarisch für das Entwickeln von Vorstellungen allgemein, und somit für ein Denken aus- und in Bildern. Besonders interessieren mich die fluiden Prozesse, das relationale Werden von geistigen Vorstellungen und deren Umformungen unserer Realität, sowie eine damit verbundene Reflexion von Denkmustern und gewohnten Sichtweisen.
In Serien "aesthetic thougts" oder "aesthetic thought spaces" folge ich fiktiven, visuellen Spuren von Wahrnehmungsprozessen. Es ist ein Überlagern innerer und äußerer Bilder, welches das Wahrnehmen aus dem Erfahren, Erinnern und Einbilden nachzeichnet und mit Zeit- und Raumverhältnissen, Eigenwahrnehmungen und Interdependenzen experimentiert. Die Phänomene von Zusammensetzung und Auflösung, der Übergang von einem Moment zum anderen und der Raum dazwischen werden dabei durch ein fließendes Umstrukturieren der Materie visualisiert, um so das kontinuierliche Zusammensetzen von Vorstellungen zu imaginieren.

Das Bildmaterial dafür entstammt einem fotografischen Archiv eigener Kunstrezeption und alltäglicher Beobachtungen. Die Medien Malerei, Fotografie und Installation setze ich in wechselseitiger Verbindung ein. Oft werden fotografische Fragmente zu digitalen Kompositionen verbunden und als Vorlage für den malerischen Prozess verwendet. Realistische Elemente werden dabei frei interpretiert, Abstraktion und gestische Malerei mit dem Duktus digitaler, grafischer Werkzeuge zusammengeführt. Die Überlagerungen formaler, kunstgeschichtlicher Parameter repräsentieren die variablen Einflüsse unseres zeitgenössischen Denkens.
Ein so visualisierte Strom ist nicht linear, sondern ein vielschichtiges, fraktales und dynamisches Installieren von inneren und äußeren Bildern, ein Konstruieren von Welt.
Neben Kunstwerken und Architektur bilden hier auch Phänomene und Strukturen aus Natur, Kultur und Alltagswelt, wie Schwärme, Gruppierungen und deren Bewegungen und Verbindungen, sowie wissenschaftliche, visuelle Simulationen die Schichtungen dieser Wahrnehmungsexperimente.


Das Potential des ästhetischen Denkens scheint sich für mich ganz besonders entlang der Erfahrung eines Kunstwerkes aufzufalten. Dabei werden Ordnungen von Erfahrung und Norm, mit denen wir gewohnt sind unsere Sinneswahrnehmungen zu Realitäten zu verknüpfen teilweise außer Kraft gesetzt. In diesem eigenständigen Verfolgen einer ästhetischen Spur wird das Erzeugen von Realitäten speziell erlebbar, da in der Kunstrezeption die Interpretation von Wahrnehmungen außerhalb der gewohnten Denkräume nötig ist, um sich einem Werk anzunähern.


Die Versuche, solche Prozesse der Wirklichkeitsentstehung nachzuzeichnen und diese in der ästhetischen Erfahrung auch zu destabilisieren, sind für mich auch besonders von ethisch relevanten Aspekten, wie Toleranz, Akzeptanz und Empathie motiviert. Ich sehe einen möglichen Zugang zu diesen Qualitäten in der Erkenntnis, dass wir in einer Realität leben, welche von unserer Wahrnehmung moduliert ist und deren Entstehung in relationalen und unendlich verzweigten Schichtungen zu finden ist, die wir zugunsten der Erhaltung des Lebens und in Rücksicht auf eine positive Entwicklung der Welt, auch bewusst verändern können und müssen.

 

Laudatio zur Verleihung des Preises für zeitgenössische Kunst 2018 an
Nora Schöpfer
am 23. April 2018

von Andrei Siclodi

Sehr geehrte Frau Landesrätin,
sehr geehrte Mitarbeiter_innen der Kulturabteilung der Tiroler Landesregierung,
liebe Preisträger_innen,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe die große Freude und Ehre, Ihnen heute die Preisträgerin für zeitgenössische Kunst 2018, Nora Schöpfer, sowie ihre Arbeit vorstellen zu dürfen. Nora Schöpfer, eine Künstlerin, die seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten hier in Innsbruck ein – wie ich meine – besonders qualitätsvolles und eigenständiges Werk entwickelt hat, das keinen internationalen Vergleich scheuen muss und darf. Ein Werk, das auch nicht davor scheut, grundlegende philosophische und naturwissenschaftliche Ideen beziehungsweise Diskurse aufzugreifen, um diese jedoch nie illustrativ, sondern auf eine ihr eigene, künstlerische Art zu verarbeiten und – eben – als Kunst zur Diskussion zu stellen. Ich werde Ihnen im Folgenden das bisherige Werk von Nora Schöpfer zu charakterisieren versuchen, und zwar anhand einiger Stationen und Werkabschnitte der vergangenen 27 Jahre.
Ich möchte hierfür gerne mit einem Zitat beginnen, das lautet:
„Diese Art von Kunst ist weder theoretisch, noch illustriert sie Theorien. Sie ist intuitiv, steht mit den unterschiedlichsten Denkvorgängen in Verbindung, und dient keinem praktischen Zweck.“
Diejenigen unter Ihnen, die das Oeuvre von Nora Schöpfer kennen und schätzen, werden in dieser Charakterisierung höchstwahrscheinlich Grundprinzipien ihrer Arbeit wiedererkennen. Und doch wurde diese Beschreibung in einem anderen Zusammenhang formuliert, vor mehr als einem halben Jahrhundert, und an einem völlig anderen Ort. Mit dieser „Art von Kunst“ beschrieb Sol LeWitt, einer der profiliertesten Vertreter des nordamerikanischen Konzeptualismus, in der Kunstzeitschrift Artforum im Sommer 1967
unter dem Titel „paragraphs on conceptual art“ diese damals neue Form künstlerischen Schaffens, in dessen Zentrum die Artikulation und Hervorhebung von Ideen stehen. Bemerkenswert daran ist, dass LeWitt, anders als die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen, die konzeptuelle Kunstpraxis nicht unter dem absoluten Primat eines positivistischen Rationalismus stellte sondern, etwa in Anlehnung an die Kunsttheorie eines Henri Bergson, die Intuition als einen zentralen künstlerischen Gestaltungsimpuls hervorhob. Diese Nicht-Rationalistische Dimension des historischen Konzeptualismus erscheint mir in unserem Zusammenhang als relevant. Damit möchte ich nicht behaupten, dass die Kunst von Nora Schöpfer pe se sich einem Konzeptualismus a la Sol LeWitt verpflichtet fühlt, sondern vielmehr ihr Werk in einer postkonzeptuellen Tradition verstanden wissen, die Rationalismus als eines von mehreren Mitteln verwendet, um eine genuin künstlerische Interpretation der Wirklichkeit zu artikulieren, die sich zwar dem Wissensreservoir etwa naturwissenschaftlicher Forschung bedient, sich dieser jedoch nie unterordnet und immer darauf erpicht ist, einen ästhetisch-visuellen Diskurs über die Strukturen der Welt und deren Erfahrung zu führen an dem Punkt, an dem, wie die Künstlerin selbst sagt, „die Struktur der Norm auseinander fällt […] und im nächsten Atemzug eine neue Welt erzeugt wird“.
Nora Schöpfer, geboren 1962 in Innsbruck, studiert ab 1984 Malerei- und Grafik an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei Oswald Oberhuber und schließt 1991 bei Ernst Caramelle ab, der mittlerweile die Oberhuber-Klasse übernommen hatte. Diese zwei Lehrer, allen voran Oswald Oberhuber mit seiner Idee der „permanenten Veränderung“ in der Kunst, dürften einen gewissen Einfluß auf das künstlerische Denken von Nora Schöpfer ausgeübt haben: Sie fühlt sich zwar hauptsächlich der Malerei verpflichtet, anders als man gemeinhin von einer Künstlerin, die vorwiegend in Österreich der 1980er Jahre studiert hat, erwarten würde, ist ihre Abschlussarbeit keineswegs klassische Malerei auf Leinwand sondern eine installative Anordnung mit dem Titel „Das Arbeitszimmer“, die auf Grund der angewandten Ästhetik sowie ihres Prozessualität veranschaulichenden Impetus, viel eher einer Kunstpraxis der 1970er Jahre nahe kommt. Die Künstlerin nimmt bereits hier Motive ihres Schaffens, die später wichtig werden sollten, vorweg: Sie gestaltet eine Interieur-Anordnung, die mit symbolischen Formen wie der Spirale oder Materialien wie Mineralien und Pflanzenextrakten operiert, mit Elementen also, die Prozessualität und Veränderung evozieren. Dabei wählt sie einen phänomenologischen Zugang, der ihre Arbeit bis heute begleitet und das Verständnis dessen, was „Wirklichkeit“ ist und wie sie sich bildlich konstituiert, aber auch die Art und Weise, wie
Wirklichkeitsinterpretationen aus anderen Wissensgebieten ins Gestalterisch-Visuelle übersetzt werden können, hinterfragt.
Nach ihrem Studium zieht Nora Schöpfer gemeinsam mit ihren zwei bereits während des Studiums geborenen Kindern zurück nach Innsbruck, wo sie auch bald in der Schule zu unterrichten beginnt. Dies hält sie – glücklicherweise – nicht davon ab, ihre künstlerische Praxis konsequent weiter zu entwickeln: Nach einer Phase reduktionistischer Arbeitsweise, in der hauptsächlich malerisch-grafische Repräsentationen isolierter Symbole entstehen, bezieht sie ab Mitte der 1990er Jahre immer mehr Motive in ihre Kunst ein, die hauptsächlich dem Bereich naturwissenschaftlicher Repräsentation entstammen: DNA-Spiralen, Mandelbrot-Gebilde, Fraktale und mikroskopische Darstellungen organischer Strukturen, die alle vergrößert und zu Bestandsteilen von Malereien oder Objekten werden. So etwa in der Arbeit Relationship von 1999 [BILD 2], in der mikroskopische Strukturen zu durchsichtigen, quasi planetarischen Gebilden, sich teilweise überlagernd, vor einem Spiegelhintergrund platziert werden, in dem sich die Betrachter_innen je nach Blickwinkel, nach der gewählten Perspektive also, selbst als Spiegelung zum Teil des Bildes werden können. Aus der Zeit um die Jahrtausendwende stammen auch Arbeiten aus der Serie mirrors of connection, wie etwa hier [BILD 3], in der Nora Schöpfer organisch-entropische Zustände auf kristalline Strukturen und Lichtreflexionen treffen lässt, die zum Teil den jeweiligen Medienträger verlassen, um sich miteinander zu einer simulativen Kette von Möglichkeiten zu verbinden. Darüber hinaus vereint sie in dieser Arbeit unterschiedliche Medien – Fotografie, Malerei und Grafik – die durch die linear gewählte Anordnung der dargestellten Motive zueinander Denkräume für spekulativ anmutende Behauptungen eröffnen. Während in diesen Arbeiten eine gewisse Künstlichkeit der Analogien offen zur Schau getragen wird, collagieren in dem Bild Landschaft, [Bild 4] ebenfalls aus dem Jahr 2003, wissenschaftliche Grafik, Fotografie und Malerei zu einem homogenen Ganzen, das primär durch einen malerischen Impuls zusammengehalten wird. Das bevorzugte Verfahren visueller, „nichtwissenschaftlicher Behauptungsanalogie“, wie es die Künstlerin selbst nennt, zwischen der zeichnerischen Darstellung einer Brustdrüse und eines in die Höhe ragenden Baumes hinterm Gitterzaun, also einer Leben spendenden Organstruktur einerseits und eines autark lebenden, einzelnen Organismus andererseits, überzieht Nora Schöpfer mittels eines malerischen Prozesses, der durch die Anwendung eines schnell anmutenden, breit-dynamischen Pinselduktus die Flüchtigkeit sowohl der Materie als auch der Wahrnehmung vergegenständlicht. Diese Flüchtigkeit von Raum und Zeit wird ab Ende der Nuller Jahre
zu einem bestimmenden Leitmotiv mehrerer Serien von Arbeiten, in denen Nora Schöpfer fotografische Vorlagen wie Malerei behandelt [BILD 5]. Den Bildern liegen digitale fotografische Notizen zugrunde, die die Künstlerin meist an Orten kultureller Zusammenkunft gemacht hat. Sie sind geprägt von einer scheinbar eingefrorenen Dynamik beziehungsweise Vibration der Raumzeitwahrnehmung [BILD 6], die unseren Blick auf den Raum dazwischen, der, wie Schöpfer selbst schreibt, „trotz oder gerade wegen der Unmöglichkeit einer Verortung eine erhöhte Präsenz und Komprimierung vorstellbar macht“. [BILD 7] „Es geht dabei nicht“, so Schöpfer weiter, „um die Darstellung der Auflösung oder Zusammensetzung an sich, sondern um die Permanenz, welche diesem Prozess zu Grunde liegt“. Die Permanenz bereitet erst die Möglichkeit eines Paradoxons von Zwischenräumen, die in diesen Bildern sichtbar wird. Nora Schöpfer stellt diese Arbeiten selten als Einzelstücke aus. Vielmehr denkt sie diese in einem räumlichen, installativen Zusammenhang mit Malerei, Videos und Objekten. [BILD 8] Die Videos spielen darin immer eine scheinbar beiläufige, aber nichtsdestotrotz entscheidende Rolle. Es sind kurze Beobachtungssequenzen, die dynamische Schwärme, Wolkenformationsveränderungen, Windböen und ähnliche Naturphänomene einfangen. Als Bestandteil der Installation und im endlosen Loop abgespielt argumentieren sie fortwährend zugunsten der Bedeutung, die Schöpfer der Permanenz in ihrer Arbeit fest zuschreibt.
Der Raum, dessen Verständnis und Erfahrung als Ergebnis von Bewußtwerdung durch Wahrnehmung, Erinnerung und Imagination, spielt nicht nur in der Malerei und den fotografischen Bearbeitungen eine wichtige Rolle. Die Künstlerin verlässt das Studio und die Innenräume – eigentlich nicht zum ersten Mal – um in dem Naturraum dreidimensional zu experimentieren. Die Quader, die ab 2003 quasi in und vor Naturkulissen entstehen, [BILD 9] (hier die Ansicht einer Installation aus dem Jahr 2006 im Garten von Daniel Spoerri in Seggiano, Italien) sind weder Fotokollagen, noch digitale Simulationen. Sie sind tatsächlich konstruierte, geometrische Fadenkörper, die durch ihre streng geometrische „3D-Grafik“ und ihre Primärfarbigkeit einen vermeintlich künstlichen Gegenpol zum Organischen der Natur bilden. Ihre Form erhalten die Körper durch die präzise Verbindung, im übertragenen Sinn „Vernetzung“, mit ihrer Umgebung [BILD 10]; sie erinnern uns daran, dass jede behauptete Perfektion ephemär und mit der sie zusammenhaltenden Umgebung untrennbar verbunden ist, sie ohne diese weder physikalisch noch imaginär existieren kann.
Bisher haben wir vor allem von einzelnen Arbeiten und Bildern gesprochen, doch dies genügt bei Weitem nicht, um dem Werk von Nora Schöpfer adäquat zu begegnen. Die größte Stärke entfalten die einzelnen Werke in ihrer räumlichen Relation zueinander erst dann, wenn sie in komplexe Erfahrungsräume eingebunden werden, in denen die Betrachter_innen die der Künstlerin so wichtige Permanenz von Gegenwärtigkeit bewußt erleben können. In diesen installativen Setzungen stehen zwar meist einzelne Bilder im Mittelpunkt, die jedoch räumlich expandieren, sich mit ihrer Umgebung und anderen Gestaltungselementen verbinden. So etwa in der Installation fluid environments – fluid perception in fragments, die 2014 in der Gruppenausstellung falsch ist richtig, die sie gemeinsam mit der Künstlerin Elisabeth Schutting im Künstlerhaus Büchsenhausen organisierte. [BILD 11] Das Gemälde im Zentrum verbindet visuelle Notizen, die zum einen den spezifischen Raum der Ausstellung – nämlich den großen Saal des Künstlerhauses – evozieren, und damit auch das durch dessen Fenster eindringende Licht und den damit verbundenen Schatten – ein Motiv, das Schöpfer von jeher fasziniert, zum anderen aber auch menschliche Präsenz vergegenwärtigt, in eine malerisch-grafische Komposition, die nicht nur in sich selbst ausgesprochen ausbalanciert wirkt, sondern, quasi beiläufig skizzenhaft, die das Bild umgebende Wand und den Raum davor miteinbezieht. [BILD 12] Dass ästhetische Sinngebung kein leeres Wort darstellt und die räumliche Komposition bis ins letzte Detail durchkonzipiert ist, beweisen nicht zuletzt auch die akribisch geformten und angeordneten Stromkabel, die das auf einem Plexiglaskasten aufliegende Video einer Wolkenformation am Laufen halten und über die rein funktionelle Rolle hinaus auch grafisch-farbige Akzente in das Gesamte hineinbringen. Die grafische Notation erhebt sich bisweilen in den dreidimensionalen Raum, [BILD 13] während Kompositionselemente des Bildes – wie farbige Tupfer, Striche und „Schattestreifen“ – als materielle Setzungen aus dem Bild hinaus expandieren. Die ästhetische Produktion bleibt jedoch nicht gänzlich im eigenen, stilistisch abgestimmten Zusammenhang befangen: Durch die Einbindung einer sorgfältig platzierten Eierschale eines Vogels, eines Ready-Mades, wenn man so will, verweist die Arbeit auf die Fragilität der Erneuerungsprozesse, denen unsere Welt permanent unterliegt.
[Bild 14] Das Streben nach dem Ausbruch aus der Selbstbezogenheit der Kunst, wie auch der Wille, das etablierte Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt zugunsten einer postdialektischen, imersiven Wahrnehmungs- und Erfahrungsweise aufzulösen, waren in der Ausstellung liquid existence: the image is within me – it`s not in front – I am inside – it is I in der Neuen Galerie der Tiroler Künstler*schaft ebenfalls gut nachvollziehbar.
[BILD 15] In der bis dato letzten größeren institutionellen Einzelausstellung von Nora Schöpfer aus dem Jahr 2015 bildeten die präsentierten Arbeiten eine Art retrospektiver Zusammenstellung von Gestaltungsstrategien und -Verfahren der vergangenen zwei Jahrzehnte. [BILD 16] Darüber hinaus dokumentierten sie die vielschichtige Gedankenwelt der Künstlerin, [BILD 17] die sich, wie bereits dargelegt, keineswegs in selbstreferenziellen ästhetischen Konstruktionen erschöpft, sondern, konsequenterweise, auch die uns umgebende Realität materiell einbindet und transzendiert. So geschehen etwa mit den bunten Plastikmüllfetzen, ein Symbol und Zeugnis fehlenden ökologischen Bewußtseins unserer Konsumgesellschaft, die zunächst aus dem Gemälde fleeing matter sich hinaus zu bewegen scheinen, [BILD 18] just aus dem Bereich, in dem Menschen dargestellt sind, um sich dann zu einer neuen, floral anmutenden künstlichen „Naturform“ zu vereinen. [BILD 19]
Die Virtuosität und die Selbstverständlichkeit, mit der Nora Schöpfer unterschiedliche Bildmedien quasi fließend ineinander übergehen, in der sie Erinnerung, Einbildung, Wahrnehmung und Wissen miteinander verschmelzen lässt, mit der sie den Anspruch erhebt, mit ihrer Arbeit der Kunst die Anerkennung als eine spezifische Artikulationsform des Denkens wieder zu verschaffen, und für ein Verständnis von Kunst als eine mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit eng verbundenen Praxis argumentiert, qualifiziert sie und ihr Werk über alle Maßen zum Erhalt des Preises des Landes Tirol für zeitgenössische Kunst 2018. [BILD 20] Insofern möchte ich dir, liebe Nora, herzlich gratulieren, freue mich auf viele spannende neue Werke und darf dir die Plastikblume, die du ja für uns alle stellvertretend gestaltet hast, symbolisch zurück überreichen!

 

liquid existence 

Günther Moschig,  Kunsthistoriker, Ausstellungskurator  zur Ausstellung  liquid existence - the image is within me - it`s not in front - I am inside - it is I 

 

René Magritte und Heinz von Förster. Magrittes berühmtes La trahison des images aus dem Jahr 1929 - ein Bild ist nicht die Realität eines Gegenstandes (Dies ist keine Pfeife) und von Försters  Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage.- das hermeneutische Prinzip.

 Nora Schöpfer beschäftigt sich in ihrer jüngsten Arbeit mit den Wahrnehmungsmustern von Wirklichkeit und Kunst. Und die sind dieselben. Die Übergänge verfließen. Die Frage nach der Wahrheit stellt sich dabei nicht, auch wenn uns der Begriff „Wahrnehmung“ das hinterlistig vorzumachen versucht.

Nora Schöpfer untersucht in liquid existence vielmehr die existentielle Erfahrung, das Erleben, das Erinnern, das Vorstellen. Als Rauminstallation unter Einbeziehung von Fotografie, Malerei, Video und Objekt angelegt, geht es hier nicht um die Frage nach der Realität eines Gegenstandes und dessen Abbild, sondern in einem universellen Sinn um eine ganzheitliche Wahrnehmung von Wirklichkeit in Raum und Zeit und die Möglichkeiten ihrer Sichtbarmachung im Kunstwerk. Schöpfer vertraut dabei ihrer Einbildungskraft. Was hier deutlich wird: Die Ursachen der Erfahrungen sind die Beobachtungen und nicht die vorgegebene Umwelt. Die Wirklichkeit ist eine Summe aller Sinneswahrnehmungen.

 

Nora Schöpfer vertraut aber auch der subjektiven Einbildungskraft der Besucherinnen und Besucher und lädt sie ein über ihre Erfahrungen in der Ausstellung zu reflektieren, dies zu notieren und zur Diskussion zu stellen. Die Betrachterinnen und Betrachter sind involviert, erst in ihrer Wahrnehmung wird die Ausstellung als solche sichtbar (The image is within me – it´s not in front – I am inside –

it is I).

Dass Nora Schöpfer darin über Bilder argumentiert, diese komplexe Fragestellung in Bildern auflöst, hat einmal natürlich mit ihrer visuellen Kompetenz als Malerin zu tun, zum anderen aber auch mit einer Alltagserfahrung aus den Bilderspeichern des Internets und der digitalen Bilderflut unserer aktuellen Mediengesellschaft, die das Bild zum zentralen Informationsmedium werden ließ. Was in den Kulturwissenschaften als „iconic turn“ das Auslösen einer vermehrten Bildaufmerksamkeit gegenüber der Sprache meint, wird bei Schöpfer ein Denken mit Hilfe von Bildern. Erst über die Bilder wird die Wirklichkeit generiert. Dabei trägt sie der Breite visueller Praktiken von Sehen, Aufmerksamkeit, Erinnern, Beobachten und Vorstellen Rechnung und führt sie als Raumerlebnis in liquid existence zusammen.

 

Die Flüchtigkeit des Augenblicks und das Dehnen des Momentes war schon in früheren Arbeiten Nora Schöpfers präsent. Zeit wird hier als Augenblick verstanden, als der Moment, in dem sich das Erlebte gerade schon wieder aufzulösen beginnt und zur Vergangenheit wird. In diesem Spannungsfeld von Erfahren und Erinnern operiert Nora Schöpfer nun mit den sich in ihrer Arbeit gegenseitig bedingenden Medien Malerei, Fotografie, Video und Objekt und erweitert es in einer Rauminstallation zu einer ganzheitlichen Erfahrung, die Raumfolge der Galerie wird zu einem Bild. Die Wirklichkeit konstituiert sich darin aus dem Erleben von Licht, Horizont, Erzählung, kunsthistorischem Zitat, fließender Farbe, Landschaft, sozialen Begegnungen - aus Gegenwart, Erinnerung und Vorstellung.

 

Text: Dr. Mag. Günther Moschig, Kurator, Kunsthistoriker

 

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aesthetic thoughts                                                    

Bilder blicken aus Übergängen hervor. Nicht ein Etwas ist festzumachen, vielmehr scheint etwas vom einen zum anderen zu fließen, und lässt sowohl das Eine verschwinden, als auch das Andere.
Was anhält, ist das Entstehen. Konstituierung und Auflösung erscheinen als der gleiche Fluss. Ein Prozess, eine Performanz, ein ständiges aus dem Wahrnehmen ins Denken Geborene.
...das Entstehen der Welt - ein fraktaler Prozess, der sich erst innerhalb der Wahrnehmung und dem Denken vollzieht...

Visuelle Fragmente in variablen Konstellationen sind Zeugen meiner Blicke und ein ,von Wirklichkeiten ´Angeblickt Werden´, welches meine Aufmerksamkeit trifft.
...ein Ausstellungsbesuch, das Rezipieren von Kunst, ein Eintauchen in den Strom von Bildern, aus Bildern…

Die Medien Malerei, Fotografie- und Video greifen dabei ineinander und verweben Sequenzen aus Natur, Alltag und Kunst in verschiedenen Raum- und Zeitebenen.

Die Arbeiten mit dem Titel aesthetic thoughts sind Experimente und Versuche, Erfahrungen von Präsenz sichtbar zu machen, wenn auch paradox, um die Gegenwärtigkeit als Zustand und ontologisches Phänomen einzufangen.

Daraus ergaben sich Fragen zur Wahrnehmung, zu den daraus resultierenden Zeitverhältnissen, Raumverhältnissen, Eigenwahrnehmungen und Interdependenzen mit der Welt und schließlich, das Hinterfragen der Vorstellungen von Wirklichkeit an sich.
Über die Versuche einen gegenwärtigen Zustand auszuloten und in der künstlerischen Praxis nach Möglichkeiten zu suchen, diesen in seiner Essenz und Qualität zu beleuchten, richtet sich mein Blick auf Phänomene von Zusammensetzung und Auflösung, auf den Übergang von einem Moment zum anderen und den Raum dazwischen.

Der Blick richtet sich auf ein ständiges Umstrukturieren der Materie , auf das kontinuierliche Zusammensetzen von Wahrnehmungen und Vorstellungen, und die Nichtzeit und Raumlosigkeit der Übergänge.

Ich arbeite dabei mit den Medien Malerei, Fotografie, Grafik und Installation.

So entstehen Bilder aus fiktiven oder erlebten Wahrnehmungsprozessen, aus Schichten von Erfahrung, Erinnerung und flüchtigen und fließenden Eindrücken, welche immer neu über die Eindrücke vorangegangener Bilder identifiziert und so von diesen überschrieben werden.
Das Konstruieren von Wirklichkeiten scheint ein fraktaler und variabler Prozess zu sein, der gerade in der Kunstwahrnehmung besonders zur Deutlichkeit gelangt, da in Kunstwerken generierte Welten neu erdacht werden dürfen, ja müssen, wenn man sie erleben möchte.

 

Text: Nora Schöpfer

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gaps - between seconds

Mag. Günther MoschigKunsthistoriker, Ausstellungskurator zur Ausstellung an der Universität Innsbruck Theologische Fakultät

Durchschreiten wir die Bilderfolge der Ausstellung werden gleich zwei Aspekte in den Bilderfindungen Nora Schöpfers deutlich. Zum einen ist das ein thematisch-inhaltlicher. Es geht in diesen neuesten Arbeiten um Verdichtung und Auflösen, genauer gesagt um den Augenblick dazwischen. Zum zweiten, und es scheint hier abermals um eine Schnittstelle zu gehen, und zwar auf einer medialen Ebene, um den Übergang von Fotografie in Malerei oder vice versa.

Und noch etwas fällt auf: eine Leichtigkeit des Tuns, lässt sich hinter diesen Bildern vermuten.

Nora Schöpfer hat an der Hochschule für Angewandte Kunst bei Oswald Oberhuber und Ernst Caramelle in Wien studiert und ist zunächst als Malerin hervorgetreten. In dem von den neuen Medien und der Fotografie vorgegebenen Diskurs um die eigenen ästhetischen Möglichkeiten hat sich auch die Malerei in den letzten Jahren wieder selbstreflexiv auf ihre Qualitäten bezogen. Und die ist am knappesten  beschrieben mit dem Auftragen von Farbe auf Leinwand. Das Arbeiten mit Farbe in einer bildkonstituierenden Funktion ist es letztlich auch , was die Malerei von anderen künstlerischen Medien unterscheidet.

Vieles ist dazu von Gerhard Richter in seinen fotorealistischen Bildern aus den 1960er vor formuliert. Seine weit reichenden Reflexionshorizonte hatten der Malerei vielfältige Möglichkeiten eröffnet, die für junge Künstler und Künstlerinnen, damit meine ich jene die in den 1980er Jahren aus den Akademien herausgekommen sind, Basis dafür geworden sind die Malerei als Medium zu verstehen und weiter zu entwickeln. Der Fotografie kommt darin eine besondere Rolle zu.

Wenn nun Nora Schöpfer Fotografien am Computer nachbearbeitet und mit ihm neue Bilder generiert ist sie dabei Malerin geblieben. Fotografische Vorgaben werden malerisch verwendet. Diese zunächst objektive Herangehensweise an das Motiv wird dann in der Weiterbearbeitung zu einer subjektiven Sicht umformuliert. In den Fotoserien ebenso, wie in den großformatigen Malereien. Die Unschärfen der Fotografie finden sich im Acrylbild als Verwischung wieder. Und genau diese Übereinstimmung im Bild ist die Qualität dieser neuen Arbeiten Schöpfers. Trotz unterschiedlicher medialer Erscheinung stellt sich die Frage nach Malerei und/oder Fotografie nicht. Die medialen Grenzen zwischen Fotografie und Malerei scheinen sich aufzulösen. Der Grund dafür liegt in der Blickweise und der technischen Raffinesse der Künstlerin.

Was ist nun die subjektive Sicht bei Nora Schöpfer? Eine Spur legen die Bildtitel: zum Beispiel gap. 08.10.2008/:16.14. Kaufhaus Tyrol, Maria Theresienstraße. Zeit wird in Schöpfers Weltwahrnehmung als Augenblick verstanden, als der Moment, in dem sich das Erlebte gerade schon wieder auflöst und zur Vergangenheit wird. Und es ist dieser Augenblick der Auflösung einer zuvor verdichteten Existenz, den Nora Schöpfer, wie das Videostill aus einem Film im Bild einfriert, als eine vom Alltag inszenierte und momentane Situation. In den neuen Bildserien sind es in erster Linie Szenen im öffentlichen Raum, an Orten der Kommunikation und sozialen Begegnung.

Hier wird gesprochen, gestikuliert, um sich dann wieder zu trennen. Die Herausforderung für Nora Schöpfer ist es, diesen Prozess zwischen Aufeinandertreffen und wieder Auflösen festzuhalten, und es geht hier auch um eine Subjektivierung von Zeit.

Wenn Nora Schöpfer, wie sie selbst formuliert „ visuellen Fährten folgt“ sind dies nicht nur Begegnungen  in öffentlichen Räumen, sondern auch Beobachtungen in den Mikro- und Makrokosmen der Natur. Die Videoarbeit „ Mückenschwarm“ (2009) macht das deutlich. Verdichtung und Auflösung durch Bewegung, aber auch strukturale Annäherungen an Mikroeinblicke in die Natur und das Leben, wie Sonnenreflexe, DNA Strukturen, Adern , also organischen Mikrostrukturen aus der Natur finden sich wieder in den Bildern.

Bei Nora Schöpfer bekommt der Augenblick durch ihren ganz persönlichen Blick auf das, was um sie passiert auch eine poetische Dimension und zwar in einem ganz ursprünglichen Sinn als die Wahrnehmung des Momentes, als ein ästhetisches wie rätselhaftes Erlebnis, das gerade noch darstellbar ist. Und es ist dieses gerade noch Festhalten können, das Nora Schöpfer zu interessieren scheint. Deshalb haben ihre Bilder auch etwas Flüchtiges - Leichtes, auch wenn sie ganz handfest und konkret als Leinwand oder als Lambdaprint an der Wand hängen.

Nora Schöpfer ortet im ästhetischen Produkt des Bildes das Geheimnis der menschlichen Existenz in den Momenten und Zwischenräumen von Verdichtung und Auflösung und setzt da an, wo sich die Formen wieder zu verändern beginnen. Wenn sie von „ der Qualität des nicht greifbaren Momentes “ spricht, mag das auch darauf hinweisen, dass sich der Augenblick gerade in seiner plötzlichen Verflüchtigung trifft, mit dem Erlebnis von Glück.

Text: Dr. Mag. Günther Moschig, Kurator, Kunsthistoriker

 

 

connected

Dr. Mag. Ingeborg Erhart, Kunsthistorikerin, Kuratorin: Einleitung zum Katalog Nora Schöpfer . Malerei . Installationen / 2006

Die Natur ist ein Tempel, wo aus lebendigen Pfeilern zuweilen wirre Worte dringen; der Mensch geht dort durch Wälder von Symbolen, die mit vertrauten Blicken ihn beobachten.

Wie langer Hall und Widerhall, die fern vernommen in die finstere und tiefe Einheit schmelzen, weit wie die Nacht und wie die Helle, antworten die Düfte, Farben und Töne einander.

Entsprechungen, Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, dtv München 1997, S. 23

 

Nora Schöpfer geht es in ihrer künstlerischen Arbeit um Verbindungen - Verbindungen von Zufalls- und realen Landschaften, empirisch Beobachtetem und wissenschaftlich Bewiesenem, Mikro- und Makrokosmos, Ratio und Emotion, flüchtigen Bewegungen und der Präsenz des Augenblicks, Fotografie und Malerei, Computergrafik und Handzeichnung, …

Die Künstlerin geht der Natur der Dinge auf ihre eigene Weise nach und entdeckt, dass sich Strukturen überall zeigen. Sonnenlicht, das durch das Laub des Baumes vor ihrem Arbeitsraum auf den Atelierboden fällt sieht ähnlich aus wie DNA unter dem Elektronenmikroskop und die Darstellung einer menschlichen Brustdrüse aus einem medizinischen Fachbuch ähnelt in ihrer formalen Struktur einer Agave. Sie zeichnet in regelmäßigen Zeitabständen den Lichteinfall durch ein Fenster mit Kreide am Boden nach und am Abend bleiben Linien zurück, die wie ein Fächer Raum greifen.

„Linien machen Dimensionen auf “, sagt Nora Schöpfer. So verbindet sie beispielsweise in der Arbeit „free“, 2006, fotografiertes Geäst, das links ins Bild ragt, und expressiv-abstrakte Lackmalerei, die etwas mehr als die rechte Bildhälfte einnimmt, mit einer einzigen dünnen Filzstiftlinie. Welchen Konnex der Baum und die gestische Malerei konkret haben, ist für den Betrachter nicht gewiss. Die Linie aber, die die beiden Bereiche zusammenbringt, sitzt.

Nora Schöpfer sieht den Zusammenhang in der Struktur, die die Natur im Ast hervorbringt und in der zufälligen Schütt- und Rinnspur der Farbe. Für sie ist es eine fraktale Struktur, die sich beiderseits zeigt.

Großformatige Mixed-Media-Arbeiten wie diese und die an asiatische Kalligraphie erinnernden Werke auf Papier der vergangenen Jahre stehen in ihrer (partiellen) Reduziertheit in logischem Zusammenhang mit den „Fadenkörpern“, die die Künstlerin seit 2002 in die Natur, aber auch in Ausstellungsräume spannt. Durch die Linien, also die Fäden, wird hier eine totale Illusion evoziert. Der entstandene Raum ist reine Imagination. Nora Schöpfer macht deutlich, wie stark der Mensch in seiner Wahrnehmung an der Materialität haftet und dass die Vorstellung von Realität ausreicht, einen Raum zu erzeugen.

Nach Analogien zu suchen, Verbindungen aufzuspüren und vernetzt zu denken sind die Grundlagen für die Art und Weise der künstlerischen Visualisierungen von Nora Schöpfer. Diese Vielschichtigkeit der Auseinandersetzung führt auch dazu, dass es – obwohl Malerei und Installation im Vordergrund stehen - keine Festlegung auf ein Medium gibt.

Der rote Faden, der sich unverkennbar durch das Œuvre der Künstlerin zieht, ist „Landschaft“ im allerweitesten Sinn des Wortes. Nora Schöpfer lässt die Rezipienten ihrer Arbeit an dem dynamischen Dialogprozess, den sie mit den Gegebenheiten der Natur führt, teilhaben und überrascht mit immer neuen Beobachtungen und künstlerischen Erkenntnissen.

 Ingeborg Erhart

 • Eine Landschaft ist ökologisch gesehen ein geografisches Gebiet, welches sich durch gemeinsame Merkmale von anderen Gebieten abgrenzt. Die Landschaft als Ausschnitt der Erdoberfläche ist die Grundlage menschlicher Existenz, wird jeweils individuell wahrgenommen und befindet sich in einer ständigen Dynamik. Man unterscheidet zwischen natürlichen und vom Menschen geprägten Landschaften. Psychologisch gesehen ist die Landschaft der sinnliche Gesamteindruck und wird mit Umwelt gleichgesetzt. Kulturell zusammenhängende Landschaften nennt man Regionen.(…) http://de.wikipedia.org/wiki/Landschaft

Text:  Dr. Mag. Ingeborg Erhart, Kunsthistorikerin

 

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fluid environments

gaps - between seconds

 

Malerei, konzeptuelle Fotografien, Installationen, sowie Objekte der letzten Jahre beziehen sich auf eine inhärente Bewegung und gleichzeitige Permanenz von Momenten, und speziell auf den Raum dazwischen, der trotz oder gerade wegen der Unmöglichkeit einer Verortung eine erhöhte Präsenz und Komprimierung vorstellbar macht.

Die durch Material und Inhalt korrespondierenden Arbeiten beschäftigen sich, ausgehend von dem Bild der atomaren Bewegung innerhalb der scheinbar festen Form der Dinge mit dem Versuch, diese ständige Veränderung und den Übergang von einem Moment zum anderen einzufangen und damit auf ein permanentes Dazwischen zu fokussieren.

Es geht dabei jedoch nicht um die Darstellung der Auflösung oder Zusammensetzung an sich,

sondern um die Permanenz, welche diesem Prozess zu Grunde liegt.

In ihr findet sich das Paradox von Zwischenräumen, welche als `precious gaps`oder `gaps between seconds` betitelt sind.

Diese visuelle Untersuchung gilt dabei dem kleinsten und größten Raum der in diesen Lücken zu erfassen ist, der kürzesten und der längsten Periode die man in dieser Imagination einer `Nichtzeit`ausmachen kann, sowie der dabei entstehenden Qualität.

Durch diese variable Konstruktion wird eine neue und künstliche Ausdehnung des Momentanen versucht um es permanent und gleichzeitig  in die nächste Erfahrung von Gegenwart zu entlassen. Die Darstellung verlässt den Raum des Konkreten und entgegnet dem scheinbaren Zusammenhalt von Teilchen, deren Weiterbewegen und Verschwinden.

Dabei verliert die Materie das Konstante, die Zeit ihre punktuelle Abfolge und die Räumlichkeit ihre Begrenzung. Die feste Form der Dinge wird relativiert und transformiert in ein ständiges Rauschen oder Fließen. Vermischungen separierter Formideen sind die Folge.

Gruppierungen, wie Menschenansammlungen, Vögel- und Mückenschwärme, Wolkenformationen oder bewegte Partikel einer Materie, die sich ständig selbst zu neuen Gruppenkörpern umstrukturieren, werden in ihrer momentanen Schärfe oder bewegten Unschärfe beobachtet und in ihren Zeitlichkeiten überlagert.

Durch Simulation fließender Formen, Farben und Ereignisse, sowie konstruierter Gleichzeitigkeiten von Bewegungsabläufen wird die Wahrnehmung des Momentanen verstärkt und von der gewohnten Vorstellung der Dinge und Geschehnisse innerhalb von Zeit und Raum auf eine beobachtende Sicht der Abläufe und deren Oszillieren zwischen Vorhandensein und Verschwinden fokussiert.

Naturphänomenen und Orte kultureller Zusammenkunft, wie Kunsträume, Ausstellungshäuser oder bekannte kulturelle Plätze erscheinen verdichtet bis hin zum Verlust ihrer Identität.

Die Fadenkörper - Konstruktionen stellen ein abstraktes Äquivalent zu den Malereien und Fotografien dar.

Die transparent schwebenden Kuben sind aus Fäden oder Seilen in den Raum oder zwischen Bäume gespannte geometrische Körper.

Sie erscheinen als momentane grafische Konturierung, sind aber tatsächlich durch eine fragile Vernetzung in die architektonische Exaktheit positioniert.

Die dreidimensionale Form ergibt sich  durch das Spannen von dünnen Fäden von allen Ecken der Körper zu stabilen Punkten an Bäumen oder Wänden.

Die transparente architektonische Räumlichkeit der Fadenkörper lassen ein Begrenzen und Definieren und gleichzeitig ein Auflösen davon erfahren, indem die Flüchtigkeit der Materie und ihre fragile Vernetzung im Raum sichtbar gemacht wird.Die vernetzte geometrische Konstruktion verweist auf die Abhängigkeiten von äußeren Faktoren, sowie die notwendige Spannung zur Aufrechterhaltung der Form und somit auf gesellschaftliche Mechanismen und Systeme.

Durch das schwebende, transparente und doch klar konstruierte Erscheinungsbild werden die Aspekte Zeit, Raum und Materie bewegt, geometrische Leerräume simulieren Lücken in der Wahrnehmung von Realität.

Text: Nora Schöpfer