liquid existence 

Günther Moschig,  Kunsthistoriker, Ausstellungskurator  zur Ausstellung  liquid existence - the image is within me - it`s not in front - I am inside - it is I 

 

 

René Magritte und Heinz von Förster. Magrittes berühmtes La trahison des images aus dem Jahr 1929 - ein Bild ist nicht die Realität eines Gegenstandes (Dies ist keine Pfeife) und von Försters  Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage.- das hermeneutische Prinzip.

 

Nora Schöpfer beschäftigt sich in ihrer jüngsten Arbeit mit den Wahrnehmungsmustern von Wirklichkeit und Kunst. Und die sind dieselben. Die Übergänge verfließen. Die Frage nach der Wahrheit stellt sich dabei nicht, auch wenn uns der Begriff „Wahrnehmung“ das hinterlistig vorzumachen versucht.

Nora Schöpfer untersucht in liquid existence vielmehr die existentielle Erfahrung, das Erleben, das Erinnern, das Vorstellen. Als Rauminstallation unter Einbeziehung von Fotografie, Malerei, Video und Objekt angelegt, geht es hier nicht um die Frage nach der Realität eines Gegenstandes und dessen Abbild, sondern in einem universellen Sinn um eine ganzheitliche Wahrnehmung von Wirklichkeit in Raum und Zeit und die Möglichkeiten ihrer Sichtbarmachung im Kunstwerk. Schöpfer vertraut dabei ihrer Einbildungskraft. Was hier deutlich wird: Die Ursachen der Erfahrungen sind die Beobachtungen und nicht die vorgegebene Umwelt. Die Wirklichkeit ist eine Summe aller Sinneswahrnehmungen.

 

Nora Schöpfer vertraut aber auch der subjektiven Einbildungskraft der Besucherinnen und Besucher und lädt sie ein über ihre Erfahrungen in der Ausstellung zu reflektieren, dies zu notieren und zur Diskussion zu stellen. Die Betrachterinnen und Betrachter sind involviert, erst in ihrer Wahrnehmung wird die Ausstellung als solche sichtbar (The image is within me – it´s not in front – I am inside –

it is I).

Dass Nora Schöpfer darin über Bilder argumentiert, diese komplexe Fragestellung in Bildern auflöst, hat einmal natürlich mit ihrer visuellen Kompetenz als Malerin zu tun, zum anderen aber auch mit einer Alltagserfahrung aus den Bilderspeichern des Internets und der digitalen Bilderflut unserer aktuellen Mediengesellschaft, die das Bild zum zentralen Informationsmedium werden ließ. Was in den Kulturwissenschaften als „iconic turn“ das Auslösen einer vermehrten Bildaufmerksamkeit gegenüber der Sprache meint, wird bei Schöpfer ein Denken mit Hilfe von Bildern. Erst über die Bilder wird die Wirklichkeit generiert. Dabei trägt sie der Breite visueller Praktiken von Sehen, Aufmerksamkeit, Erinnern, Beobachten und Vorstellen Rechnung und führt sie als Raumerlebnis in liquid existence zusammen.

 

Die Flüchtigkeit des Augenblicks und das Dehnen des Momentes war schon in früheren Arbeiten Nora Schöpfers präsent. Zeit wird hier als Augenblick verstanden, als der Moment, in dem sich das Erlebte gerade schon wieder aufzulösen beginnt und zur Vergangenheit wird. In diesem Spannungsfeld von Erfahren und Erinnern operiert Nora Schöpfer nun mit den sich in ihrer Arbeit gegenseitig bedingenden Medien Malerei, Fotografie, Video und Objekt und erweitert es in einer Rauminstallation zu einer ganzheitlichen Erfahrung, die Raumfolge der Galerie wird zu einem Bild. Die Wirklichkeit konstituiert sich darin aus dem Erleben von Licht, Horizont, Erzählung, kunsthistorischem Zitat, fließender Farbe, Landschaft, sozialen Begegnungen - aus Gegenwart, Erinnerung und Vorstellung.

 

                                                   

 

 

gaps - between seconds

Mag. Günther MoschigKunsthistoriker, Ausstellungskurator zur Ausstellung an der Universität Innsbruck Theologische Fakultät

Durchschreiten wir die Bilderfolge der Ausstellung werden gleich zwei Aspekte in den Bilderfindungen Nora Schöpfers deutlich. Zum einen ist das ein thematisch-inhaltlicher. Es geht in diesen neuesten Arbeiten um Verdichtung und Auflösen, genauer gesagt um den Augenblick dazwischen. Zum zweiten, und es scheint hier abermals um eine Schnittstelle zu gehen, und zwar auf einer medialen Ebene, um den Übergang von Fotografie in Malerei oder vice versa.

Und noch etwas fällt auf: eine Leichtigkeit des Tuns, lässt sich hinter diesen Bildern vermuten.

Nora Schöpfer hat an der Hochschule für Angewandte Kunst bei Oswald Oberhuber und Ernst Caramelle in Wien studiert und ist zunächst als Malerin hervorgetreten. In dem von den neuen Medien und der Fotografie vorgegebenen Diskurs um die eigenen ästhetischen Möglichkeiten hat sich auch die Malerei in den letzten Jahren wieder selbstreflexiv auf ihre Qualitäten bezogen. Und die ist am knappesten  beschrieben mit dem Auftragen von Farbe auf Leinwand. Das Arbeiten mit Farbe in einer bildkonstituierenden Funktion ist es letztlich auch , was die Malerei von anderen künstlerischen Medien unterscheidet.

Vieles ist dazu von Gerhard Richter in seinen fotorealistischen Bildern aus den 1960er vor formuliert. Seine weit reichenden Reflexionshorizonte hatten der Malerei vielfältige Möglichkeiten eröffnet, die für junge Künstler und Künstlerinnen, damit meine ich jene die in den 1980er Jahren aus den Akademien herausgekommen sind, Basis dafür geworden sind die Malerei als Medium zu verstehen und weiter zu entwickeln. Der Fotografie kommt darin eine besondere Rolle zu.

Wenn nun Nora Schöpfer Fotografien am Computer nachbearbeitet und mit ihm neue Bilder generiert ist sie dabei Malerin geblieben. Fotografische Vorgaben werden malerisch verwendet. Diese zunächst objektive Herangehensweise an das Motiv wird dann in der Weiterbearbeitung zu einer subjektiven Sicht umformuliert. In den Fotoserien ebenso, wie in den großformatigen Malereien. Die Unschärfen der Fotografie finden sich im Acrylbild als Verwischung wieder. Und genau diese Übereinstimmung im Bild ist die Qualität dieser neuen Arbeiten Schöpfers. Trotz unterschiedlicher medialer Erscheinung stellt sich die Frage nach Malerei und/oder Fotografie nicht. Die medialen Grenzen zwischen Fotografie und Malerei scheinen sich aufzulösen. Der Grund dafür liegt in der Blickweise und der technischen Raffinesse der Künstlerin.

Was ist nun die subjektive Sicht bei Nora Schöpfer? Eine Spur legen die Bildtitel: zum Beispiel gap. 08.10.2008/:16.14. Kaufhaus Tyrol, Maria Theresienstraße. Zeit wird in Schöpfers Weltwahrnehmung als Augenblick verstanden, als der Moment, in dem sich das Erlebte gerade schon wieder auflöst und zur Vergangenheit wird. Und es ist dieser Augenblick der Auflösung einer zuvor verdichteten Existenz, den Nora Schöpfer, wie das Videostill aus einem Film im Bild einfriert, als eine vom Alltag inszenierte und momentane Situation. In den neuen Bildserien sind es in erster Linie Szenen im öffentlichen Raum, an Orten der Kommunikation und sozialen Begegnung.

Hier wird gesprochen, gestikuliert, um sich dann wieder zu trennen. Die Herausforderung für Nora Schöpfer ist es, diesen Prozess zwischen Aufeinandertreffen und wieder Auflösen festzuhalten, und es geht hier auch um eine Subjektivierung von Zeit.

Wenn Nora Schöpfer, wie sie selbst formuliert „ visuellen Fährten folgt“ sind dies nicht nur Begegnungen  in öffentlichen Räumen, sondern auch Beobachtungen in den Mikro- und Makrokosmen der Natur. Die Videoarbeit „ Mückenschwarm“ (2009) macht das deutlich. Verdichtung und Auflösung durch Bewegung, aber auch strukturale Annäherungen an Mikroeinblicke in die Natur und das Leben, wie Sonnenreflexe, DNA Strukturen, Adern , also organischen Mikrostrukturen aus der Natur finden sich wieder in den Bildern.

Bei Nora Schöpfer bekommt der Augenblick durch ihren ganz persönlichen Blick auf das, was um sie passiert auch eine poetische Dimension und zwar in einem ganz ursprünglichen Sinn als die Wahrnehmung des Momentes, als ein ästhetisches wie rätselhaftes Erlebnis, das gerade noch darstellbar ist. Und es ist dieses gerade noch Festhalten können, das Nora Schöpfer zu interessieren scheint. Deshalb haben ihre Bilder auch etwas Flüchtiges - Leichtes, auch wenn sie ganz handfest und konkret als Leinwand oder als Lambdaprint an der Wand hängen.

Nora Schöpfer ortet im ästhetischen Produkt des Bildes das Geheimnis der menschlichen Existenz in den Momenten und Zwischenräumen von Verdichtung und Auflösung und setzt da an, wo sich die Formen wieder zu verändern beginnen. Wenn sie von „ der Qualität des nicht greifbaren Momentes “ spricht, mag das auch darauf hinweisen, dass sich der Augenblick gerade in seiner plötzlichen Verflüchtigung trifft, mit dem Erlebnis von Glück.

Günther Moschig

 

 

connected

Mag. Ingeborg Erhart, Kunsthistorikerin, Kuratorin: Einleitung zum Katalog Nora Schöpfer . Malerei . Installationen / 2006

Die Natur ist ein Tempel, wo aus lebendigen Pfeilern zuweilen wirre Worte dringen; der Mensch geht dort durch Wälder von Symbolen, die mit vertrauten Blicken ihn beobachten.

Wie langer Hall und Widerhall, die fern vernommen in die finstere und tiefe Einheit schmelzen, weit wie die Nacht und wie die Helle, antworten die Düfte, Farben und Töne einander.

Entsprechungen, Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, dtv München 1997, S. 23

 

Nora Schöpfer geht es in ihrer künstlerischen Arbeit um Verbindungen - Verbindungen von Zufalls- und realen Landschaften, empirisch Beobachtetem und wissenschaftlich Bewiesenem, Mikro- und Makrokosmos, Ratio und Emotion, flüchtigen Bewegungen und der Präsenz des Augenblicks, Fotografie und Malerei, Computergrafik und Handzeichnung, …

Die Künstlerin geht der Natur der Dinge auf ihre eigene Weise nach und entdeckt, dass sich Strukturen überall zeigen. Sonnenlicht, das durch das Laub des Baumes vor ihrem Arbeitsraum auf den Atelierboden fällt sieht ähnlich aus wie DNA unter dem Elektronenmikroskop und die Darstellung einer menschlichen Brustdrüse aus einem medizinischen Fachbuch ähnelt in ihrer formalen Struktur einer Agave. Sie zeichnet in regelmäßigen Zeitabständen den Lichteinfall durch ein Fenster mit Kreide am Boden nach und am Abend bleiben Linien zurück, die wie ein Fächer Raum greifen.

„Linien machen Dimensionen auf “, sagt Nora Schöpfer. So verbindet sie beispielsweise in der Arbeit „free“, 2006, fotografiertes Geäst, das links ins Bild ragt, und expressiv-abstrakte Lackmalerei, die etwas mehr als die rechte Bildhälfte einnimmt, mit einer einzigen dünnen Filzstiftlinie. Welchen Konnex der Baum und die gestische Malerei konkret haben, ist für den Betrachter nicht gewiss. Die Linie aber, die die beiden Bereiche zusammenbringt, sitzt.

Nora Schöpfer sieht den Zusammenhang in der Struktur, die die Natur im Ast hervorbringt und in der zufälligen Schütt- und Rinnspur der Farbe. Für sie ist es eine fraktale Struktur, die sich beiderseits zeigt.

Großformatige Mixed-Media-Arbeiten wie diese und die an asiatische Kalligraphie erinnernden Werke auf Papier der vergangenen Jahre stehen in ihrer (partiellen) Reduziertheit in logischem Zusammenhang mit den „Fadenkörpern“, die die Künstlerin seit 2002 in die Natur, aber auch in Ausstellungsräume spannt. Durch die Linien, also die Fäden, wird hier eine totale Illusion evoziert. Der entstandene Raum ist reine Imagination. Nora Schöpfer macht deutlich, wie stark der Mensch in seiner Wahrnehmung an der Materialität haftet und dass die Vorstellung von Realität ausreicht, einen Raum zu erzeugen.

Nach Analogien zu suchen, Verbindungen aufzuspüren und vernetzt zu denken sind die Grundlagen für die Art und Weise der künstlerischen Visualisierungen von Nora Schöpfer. Diese Vielschichtigkeit der Auseinandersetzung führt auch dazu, dass es – obwohl Malerei und Installation im Vordergrund stehen - keine Festlegung auf ein Medium gibt.

Der rote Faden, der sich unverkennbar durch das Œuvre der Künstlerin zieht, ist „Landschaft“ im allerweitesten Sinn des Wortes. Nora Schöpfer lässt die Rezipienten ihrer Arbeit an dem dynamischen Dialogprozess, den sie mit den Gegebenheiten der Natur führt, teilhaben und überrascht mit immer neuen Beobachtungen und künstlerischen Erkenntnissen.

 Ingeborg Erhart

 • Eine Landschaft ist ökologisch gesehen ein geografisches Gebiet, welches sich durch gemeinsame Merkmale von anderen Gebieten abgrenzt. Die Landschaft als Ausschnitt der Erdoberfläche ist die Grundlage menschlicher Existenz, wird jeweils individuell wahrgenommen und befindet sich in einer ständigen Dynamik. Man unterscheidet zwischen natürlichen und vom Menschen geprägten Landschaften. Psychologisch gesehen ist die Landschaft der sinnliche Gesamteindruck und wird mit Umwelt gleichgesetzt. Kulturell zusammenhängende Landschaften nennt man Regionen.(…) http://de.wikipedia.org/wiki/Landschaft

 

 

fluid environments

gaps - between seconds

 

Malerei, konzeptuelle Fotografien, Installationen, sowie Objekte der letzten Jahre beziehen sich auf eine inhärente Bewegung und gleichzeitige Permanenz von Momenten, und speziell auf den Raum dazwischen, der trotz oder gerade wegen der Unmöglichkeit einer Verortung eine erhöhte Präsenz und Komprimierung vorstellbar macht.

Die durch Material und Inhalt korrespondierenden Arbeiten beschäftigen sich, ausgehend von dem Bild der atomaren Bewegung innerhalb der scheinbar festen Form der Dinge mit dem Versuch, diese ständige Veränderung und den Übergang von einem Moment zum anderen einzufangen und damit auf ein permanentes Dazwischen zu fokussieren.

Es geht dabei jedoch nicht um die Darstellung der Auflösung oder Zusammensetzung an sich,

sondern um die Permanenz, welche diesem Prozess zu Grunde liegt.

In ihr findet sich das Paradox von Zwischenräumen, welche als `precious gaps`oder `gaps between seconds` betitelt sind.

Diese visuelle Untersuchung gilt dabei dem kleinsten und größten Raum der in diesen Lücken zu erfassen ist, der kürzesten und der längsten Periode die man in dieser Imagination einer `Nichtzeit`ausmachen kann, sowie der dabei entstehenden Qualität.

Durch diese variable Konstruktion wird eine neue und künstliche Ausdehnung des Momentanen versucht um es permanent und gleichzeitig  in die nächste Erfahrung von Gegenwart zu entlassen. Die Darstellung verlässt den Raum des Konkreten und entgegnet dem scheinbaren Zusammenhalt von Teilchen, deren Weiterbewegen und Verschwinden.

Dabei verliert die Materie das Konstante, die Zeit ihre punktuelle Abfolge und die Räumlichkeit ihre Begrenzung. Die feste Form der Dinge wird relativiert und transformiert in ein ständiges Rauschen oder Fließen. Vermischungen separierter Formideen sind die Folge.

Gruppierungen, wie Menschenansammlungen, Vögel- und Mückenschwärme, Wolkenformationen oder bewegte Partikel einer Materie, die sich ständig selbst zu neuen Gruppenkörpern umstrukturieren, werden in ihrer momentanen Schärfe oder bewegten Unschärfe beobachtet und in ihren Zeitlichkeiten überlagert.

Durch Simulation fließender Formen, Farben und Ereignisse, sowie konstruierter Gleichzeitigkeiten von Bewegungsabläufen wird die Wahrnehmung des Momentanen verstärkt und von der gewohnten Vorstellung der Dinge und Geschehnisse innerhalb von Zeit und Raum auf eine beobachtende Sicht der Abläufe und deren Oszillieren zwischen Vorhandensein und Verschwinden fokussiert.

Naturphänomenen und Orte kultureller Zusammenkunft, wie Kunsträume, Ausstellungshäuser oder bekannte kulturelle Plätze erscheinen verdichtet bis hin zum Verlust ihrer Identität.

Die Fadenkörper - Konstruktionen stellen ein abstraktes Äquivalent zu den Malereien und Fotografien dar.

Die transparent schwebenden Kuben sind aus Fäden oder Seilen in den Raum oder zwischen Bäume gespannte geometrische Körper.

Sie erscheinen als momentane grafische Konturierung, sind aber tatsächlich durch eine fragile Vernetzung in die architektonische Exaktheit positioniert.

Die dreidimensionale Form ergibt sich  durch das Spannen von dünnen Fäden von allen Ecken der Körper zu stabilen Punkten an Bäumen oder Wänden.

Die transparente architektonische Räumlichkeit der Fadenkörper lassen ein Begrenzen und Definieren und gleichzeitig ein Auflösen davon erfahren, indem die Flüchtigkeit der Materie und ihre fragile Vernetzung im Raum sichtbar gemacht wird.Die vernetzte geometrische Konstruktion verweist auf die Abhängigkeiten von äußeren Faktoren, sowie die notwendige Spannung zur Aufrechterhaltung der Form und somit auf gesellschaftliche Mechanismen und Systeme.

Durch das schwebende, transparente und doch klar konstruierte Erscheinungsbild werden die Aspekte Zeit, Raum und Materie bewegt, geometrische Leerräume simulieren Lücken in der Wahrnehmung von Realität.

Nora Schöpfer